Unterstützung der Inklusion mit Methoden der künstlerischen Therapie: Anpassung der Methoden und Weiterbildung der Multiplikatoren

Hauptbestandteile
Vorbereitungsprojekt
Workshop zur Entwicklung des Weiterbildungskonzeptes
12 Webinare
3 Präsenzmodule
8 Regionale Multiplikationsveranstaltungen
Praxisbuch: „Kunsttherapie in actu“ – Methodensammlung
Teilnehmerstimmen
Bildergalerie
Vorgeschichte
Die Idee des Projekts, das der Anwendung von Kunsttherapie in der Inklusion gewidmet ist, wurde dank Umständen geboren, die in keinerlei Beziehung zur Kunsttherapie oder zur Inklusion standen. Wir suchten nach einer Unterstützung für ein Kind mit Zerebralparese. Diese Suche hat uns 2019 zu Sozialinitiative „Aktion Mensch“ geführt, die vor über 60 Jahren zur Unterstützung der Inklusion – also der Integration von Menschen mit besonderen Bedürfnissen in die Gesellschaft– gegründet wurde.

Zu unserem Bedauern leistet „Aktion Mensch“ keine individuelle Hilfe. Man hat uns jedoch auf ein Programm aufmerksam gemacht, das auf die Unterstützung der Inklusion in den Ländern Osteuropas ausgerichtet war und dabei herausragende Rahmenbedingungen bot. Die deutschen Organisationen, die ihre Erfahrungen mit der Inklusion in osteuropäischen Ländern teilen wollten, hatten die Möglichkeit, ihr Hauptprojekt durch eine kleine Initiative im Zielland vorzubereiten. Dies sollte ihnen erlauben, die Situation vor Ort zu untersuchen, die Zusammenarbeit mit Partnern zu vertiefen und im persönlichen Kontakt – also nicht per Skype oder Zoom – gemeinsam das Konzept des Hauptprojektes zu entwickeln.
Zu jener Zeit hatte unser Verein nur wenig Erfahrung in der Arbeit mit Menschen mit besonderen Bedürfnissen. Wir hatten jedoch eine erfolgreiche und sehr inspirierende Erfahrung in der Zusammenarbeit mit der „Allukrainischen arttherapeutischen Assoziation“ und deutschen Kollegen, die über entsprechende Expertise verfügten. Zudem schätzten wir die Kunsttherapie sehr und wollten ihre Entwicklung in der Ukraine voranbringen. Deshalb haben wir einen Projektantrag gestellt – mit Erfolg!
Geprägt von Erwartungen und Hoffnung: Vorbereitungsprojekt
Unser Vorbereitungsprojekt war das theoretisch-praktische Seminar „Kunsttherapeutische Technologien als Instrument zur Begleitung von Kindern mit besonderen Bildungsbedürfnissen in inklusiven Bildungseinrichtungen der Ukraine: Perspektiven und Wege der Implementierung“. Dieses organisierten wir im Jahr 2019 in den Räumlichkeiten der elitären Ukrainian Global School. Zur Teilnahme waren Vertreter des Bildungsministeriums, Wissenschaftler, Lehrkräfte von Hochschulen, Kunsttherapeuten und gesellschaftliche Akteure aus verschiedenen Regionen der Ukraine eingeladen. Ebenfalls nahmen drei Fachkräfte aus Deutschland teil: die Heileurythmist:innen Sebastian und Ulrike von Tschammer, die über langjährige und tiefgehende Erfahrung in der Anwendung von Eurythmie in der Heilpädagogik verfügten, sowie Lisa Kurz, die über ebenso umfassende Erfahrung in der Arbeit mit Autismus verfügte.



Der wissenschaftlich-theoretische Teil der Veranstaltung umfasste drei thematische Hauptblöcke: die Analyse der Situation in der inklusiven Bildung der Ukraine, die Erfahrung Deutschlands im Bereich der Inklusion und Heilpädagogik sowie die Möglichkeiten der Kunsttherapie für die Sozialisation von Kindern mit besonderen Bildungsbedürfnissen. Das Seminar wurde von einer Vertreterin des Bildungsministeriums eröffnet, die uns von der stürmischen Entwicklung der Inklusion in der Ukraine in den letzten Jahren erzählte und ein idyllisches Bild zeichnete, in dem Inklusion als das absolute Gute und das Lernen eines Kindes in einer Spezialschule als das absolute Böse erschien.
Die weiteren Vorträge führten uns aber näher zur Realität, indem sie Herausforderungen thematisierten, mit denen die Inklusion in der Ukraine konfrontiert ist: eine eher ablehnende Haltung der Erzieher, Lehrer und Eltern der aufnehmenden Kindereinrichtungen, Schwierigkeiten in den Beziehungen in Kindergruppen sowie mögliche negative Folgen für die Selbstwahrnehmung der Kinder mit sonderpädagogischen Förderbedarf.
Gleichzeitig bot das Seminar Antworten auf diese Herausforderungen. Besonders beeindruckend war in dieser Hinsicht der Vortrag von Sebastian von Tschammer, der von besonderen Möglichkeiten sprach, die Menschen mit „besonderen Fähigkeiten“ – wie er sie nennt – der Welt eröffnen.

Neben Vorträgen umfasste das Programm Warm-ups unter der Leitung von Sebastian, Workshops in Eurythmie und Kunsttherapie, Gespräche mit Lisa Kurz, die in Deutschland eine Einrichtung für Menschen mit starkem Autismus leitete, sowie einen Runden Tisch, dessen Ergebnisse in Form eines Seminarbeschlusses festgehalten wurden. Darüber hinaus wurden die Ergebnisse des Seminars in einem Interview mit der Projektleiterin Alla Vaysband reflektiert.
Während des Seminars entstanden zahlreiche Ideen für das geplante Projekt. Eine klare Richtung bekam es schließlich durch ein Treffen mit Walentyna Chiwrytsch, die damals die Abteilung für inklusive und außerschulische Bildung im Bildungsministerium leitete. Sie brachte den Impuls ein, eine Fortbildung für Lehrkräfte aus Instituten für Lehrerfortbildung und Hochschulen zu entwickeln (jeweils drei Personen aus allen 25 Regionen der Ukraine).
Genau diese Gruppe machten wir zum Herzstück unseres Hauptprojekts. Wir gaben ihm den Namen „Unterstützung der Inklusion mit Methoden der künstlerischen Therapie: Anpassung der Methoden und Weiterbildung der Multiplikatoren“ – ein Titel, der unseren Anspruch direkt auf den Punkt bringt.








Realisiert trotz Korona und Krieg: Hauptprojekt.
Der deutsch-ukrainische Workshop zur Entwicklung des Weiterbildungskonzeptes war für den Sommer 2020 geplant – zu einer Zeit, als fast die ganze Welt unter strengen Corona-Beschränkungen litt. Unsere Antwort auf diese Einschränkungen hieß „Mamaeva Sloboda“. Dieses kleine Ethnografie-Museum fast im Zentrum von Kyjiw bot die einzigartige Möglichkeit, Veranstaltungen unter freiem Himmel zu organisieren und dabei gleichzeitig die Geschichte der Ukraine kennenzulernen. Wir haben diese Gelegenheit sehr genossen. Unsere Warm-ups wurden von strengen Hühnern begleitet und unsere Besprechungen fanden unter einem Apfelbaum statt.






Unter unserem Apfelbaum wurden kontroverse, aber stets konstruktive Vorschläge zum Aufbau des Programms diskutiert. Diese spiegelten die unterschiedlichen Vorstellungen von den Aufgaben der Erzieher und Lehrer in inklusiven Kindereinrichtungen wider. Letztendlich haben wir ein Programmkonzept entwickelt, das die folgenden fünf Blöcke umfassen sollte:
Inhaltsmodul I: Konzeptuelle Grundlagen der Kunsttherapie und Inklusion (Webinare)
Inhaltsmodul II: Einführung in die Kunsttherapie: Theorie und Praxis
Inhaltsmodul III: Kunstpädagogik und Kunsttherapie im System der Wissensaneignung
Inhaltsmodul IV: Kunsttherapeutische Arbeit zur Verhaltenskorrektur sowie zur Förderung von Selbstorganisation und Mobilität
Inhaltsmodul V: Kunsttherapeutische Arbeit zur Förderung von Kommunikation und zwischenmenschlichen Beziehungen
Das anhand dieses Konzepts entstandene Weiterbildungsprogramm wurde abschließend durch das Institut für soziale und politische Psychologie der Nationalen Akademie der pädagogischen Wissenschaften der Ukraine lizenziert und auf dessen Webseite veröffentlicht.
Die Weiterbildung war ursprünglich für die Zeit nach der Aufhebung der Corona-Beschränkungen geplant. Doch in der Ukraine wurden diese Beschränkungen unmittelbar durch die großflächige russische Invasion abgelöst. Dies hat uns gezwungen, die Prioritäten anders zu setzen. In den Vordergrund traten wieder die humanitäre Hilfe und die medizinische Versorgung für die Kriegsbetroffenen in der Ukraine, die Weiterbildung in der Traumatherapie und dazu noch – die Unterstützung geflüchteter Ukrainer:innen in Deutschland. Im Mai 2025 konnten wir jedoch auch zum Thema der Inklusion von Kindern mit heilpädagogischem Förderbedarf zurückkehren.
Der große Krieg stellte uns vor neue große Herausforderungen. Gleichzeitig erhielt unser Vorhaben inmitten dieses Krieges eine neue Relevanz, denn die Inklusion der Kriegsveteranen ist zu einer der zentralen gesellschaftlichen Fragen geworden. So wurde während der Weiterbildung immer wieder die Frage diskutiert, inwiefern die vermittelten Techniken auch in diesem Zusammenhang helfen könnten. Mit der Hilfe für Kriegstraumatisierte beschäftigen sich die Teilnehmer:innen unseres Programms tagtäglich seit mehr als vier Jahren. Die Weiterbildung, bei der es uns keineswegs um reinen Wissens- und Methodentransfer, sondern auch um den Ressourcenaufbau und die Prophylaxe des Burnout-Effekts ging, ist somit zur Stärkung derer geworden, die selbst eine Stütze für andere sein müssen.
Das erste Präsenzmodul fand in Brjuchowytschi bei Lwiw zwischen dem … statt. Das Programm war vielfältig: Bewegungspraktiken mit Sebastian von Tschammer, Malen, Plastizieren und die Arbeit mit Bildern mit Elke Kastner und Oxana Molchanova. Zoryana Leniv begleitete uns mit Musik- und Märchentherapie, während Tetiana Skrypnik ihr Wissen zur Arbeit bei Autismus teilte.






Das zweite Präsenzmodul organisierten wir in Truskawez vom 23. bis 28. August. Hier vertieften wir die Bewegungstechniken mit Sebastian von Tschammer und entdeckten verschiedenste Formen der Kreativität mit Lydmyla Halyzina und Olena Naumenko.



Zum dritten Modul kamen die Teilnehmerinnen in Tatariw in den Karpaten zwischen dem 13. und 18. Oktober zusammen. Auch hier gehörten Bewegung mit Sebastian sowie Malen und Plastizieren mit Elke Fastner, Olesia Zymbala und Olena Dorogavzeva dazu. Zum Abschluss geschah jedoch etwas Außergewöhnliches: Tetiana Gryda ließ die Teilnehmerinnen zu Prinzessinnen werden.



Die freie Zeit nutzten alle, um das eigene Land neu kennenzulernen und die Kultur zu genießen. Besuche in der Philharmonie und in Museen wechselten sich mit Spaziergängen in der faszinierenden Natur ab.



Die letzten anderthalb Monate des Jahres 2025 waren für die Teilnehmer:innen unseres Projekts besonders herausfordernd. Denn parallel zu ihrer regulären Tätigkeit – und unter den erschwerten Bedingungen von Stromausfällen und ständigen Luftalarmen – sollten sie Vielfältiges leisten. Es galt, an den abschließenden Webinaren und Supervisionen teilzunehmen, eigene Veranstaltungen zur Weitergabe der erworbenen Kenntnisse zu organisieren, Lehrprogramme für kunsttherapeutische Techniken in der Inklusion zu entwickeln und einen abschließenden Text zu belegen.
Was zunächst unmöglich schien, haben sie geschafft: 51 Programme wurden geschrieben und … Seminare organisiert.


Kurz vor dem Jahreswechsel 2025/2026 erhielten 51 Teilnehmende ihre internationalen Zertifikate mit einer wirklich beeindruckenden Zahl: 240 Unterrichtsstunden.
Die nachhaltige Wirkung des Projektes geht aber weit über das gelernte Wissen und die Techniken für die Lern- und Therapietätigkeit hinaus. Es sind echte Freundschaften entstanden, die allen helfen, weiterzuleben, zu arbeiten und zu kämpfen.


Nachwort
Im Jahr 2019 haben wir mit der Aktion Mensch telefoniert, um ein bestimmtes Kind zu unterstützen. Mit diesem Telefonat hat ein langer Weg begonnen, von dem schon jetzt hunderte Kinder und Erwachsene profitieren – und von dem in der Zukunft viele Tausende profitieren werden. Nun bedanken wir uns bei allen, die diesen Weg möglich gemacht haben und ihn mit uns gegangen sind.
Insbesondere denken wir heute an den hervorragenden ukrainischen Psychologen Ihor Kornienko, der an beiden ersten Begegnungen des Projekt teilgenommen hat. Am 5. Februar 2025 ist er zu unserem tiefsten Bedauern verstorben. Wir werden uns an ihn immer mit großer Dankbarkeit erinnern.

